Blauer Brief

Sehr geehrter Herr Dramaturg,

hiermit möchten wir Ihnen mitteilen, dass Ihre Dienste bis auf weiteres in unserem Hause nicht mehr benötigt werden.

Sie haben in den letzten Jahrzehnten in vorbildlicher Weise Aufführungen inszeniert, beispielhaft im Sinne des Publikums Kritik geübt, unermüdlich Stücke geprobt sowie vorab und im Nachhinein wertvolle Tipps für die Verbesserung der von Ihnen kreierten Inszenierungen gegeben. Wir bedanken uns ausdrücklich für Ihre geleistete Arbeit, weisen allerdings daraufhin hin, dass es sich bei unserer Unternehmung gar nicht um ein Theater handelt.

Bitte verstehen Sie dieses Schreiben nicht als Kündigung, da wir auch weiterhin an Ihrer Mitarbeit interessiert sind. Wir bitten Sie, Ihr kreatives Wirken künftig auf die Beantwortung tatsächlich gestellter Fragen bzw. auf die Lösung wirklich vorhandener Probleme zu konzentrieren. Sollten Sie wider Erwarten den neuen Anforderungen nicht gerecht werden, bieten wir Ihnen bei vollen Bezügen den Ruhestand an. Bedingung für diese Angebote ist allerdings die Bereitschaft Ihrerseits, ab sofort auf Inszenierungen aller Art zu verzichten.

Wir hoffen auf Ihr Verständnis für diese Maßnahmen und würden uns freuen, wenn Sie künftig in Ihrem neuen Aufgabenbereich mit etwas mehr Gelassenheit an die Arbeit gehen würden.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Kollegen vom Kollektiv „Mensch“

PS: Wir müssen Ihnen leider den Zugang zu dem Ort, den Sie bisher als „Bühne“ bezeichnet haben, auf Dauer untersagen. Eine spätere Rücknahme dieses Verbots halten wir für möglich, aber auf absehbare Zeit für nicht zweckmäßig.

Verständnis

Bilder haben eine ungeheure Kraft. Der Mensch orientiert sich in erster Linie optisch. Was man sieht ist real. Ein lautes Geräusch lässt einen sofort reflexhaft in die Richtung schauen, aus der das Geräusch kommt. Erst das Bild zum Ton verhilft dem Menschen zur Erkenntnis. Unser Gehirn kann mit Bildern viel besser umgehen, als mit Worten. Selbst ein gutes Buch – also reines Wort – zeichnet sich dadurch aus, dass es dem Leser die Möglichkeit gibt, das Gelesene in phantasierte, lebendige Bilder zu übersetzen.

Um mich besser zu verstehen, habe ich heute 3 Bilder gemacht. Vielleicht helfen sie nicht nur mir, sondern auch dem einen oder anderen der wenigen Leser dieses Blogs, sich selbst und die Situation in der er ist, ebenfalls besser zu verstehen. Obgleich die Bilder allein schon recht aussagekräftig sind, möchte ich nicht auf Erläuterungen meinerseits verzichten.

Es geht, das vorweg, wieder mal um meine psychische Situation.

Als Verstand bezeichne ich das bewußt Formulierende, Abwägende, Bewertende, Logische.

Das ICH-Bewusstsein meint das Fühlende, das die-Welt-Erlebende, Leidende, Fröhliche.

Unter dem lebendigen Selbst verstehe ich das unergründliche, unkontrollierbare, zum größten Teil unbewusste Innere, aus dem ICH und Verstand mit Energie und Ideen versorgt werden. Hier entsteht, „was ich will“.

Bild 1 zeigt eine meiner Meinung nach gesunde Psyche. Die aus dem lebendigen Selbst stammenden Ideen und Wünsche werden vom ICH als Handlungsgrundlage anerkannt, bejaht und auf dem Weg nach außen gestärkt. Auch der Verstand leistet bereitwillig seinen Beitrag zur Verwirklichung der aus dem Inneren stammenden Ideen und Lüste. Das Ergebnis ist Selbstverwirklichung im Wortsinne. Das Geschaffene wird zwar durch äußere Kräfte beeinflusst, dieser Einfluss wird aber eher als bereichernd und inspirierend empfunden – und nicht als Gefährdung des Eigenen. Ein Mensch mit derart gesunder Psyche kann sich gegen mögliche äußere Widerstände durchsetzen, erfährt sich in seiner Gesamtheit als Eins und seine Aktivitäten als außerordentlich befriedigend.

Meine innere Verfassung entspricht leider nicht diesem Bild. Die Gründe zeigt Bild 2.

In einer prägenden Zeit war ich einem extrem beschränkenden Umfeld ausgesetzt. Die Wünsche aus meinem lebendigen Selbst wurden zwar natürlicherweise noch vom ICH und vom Verstand bejaht, stießen im Außen aber auf erheblichen Widerstand. Meine Energie wurde umgekehrt und gegen mich gerichtet. Diese, und die darüberhinaus stark wirkende Energie der mich beschränkenden Person fügte mir in erheblichen Maße Schmerzen zu. Eine befriedigende Selbstverwirklichung war unmöglich. ICH und Verstand fanden sich in einer Klemme aus innerer Energie des Selbst und der von außen zurückgeworfenen Energie und der Energie der mich beeinflussenden, mich begrenzenden Person wieder. Die Folge dieser Konstellation war Leid. Dieses Leid sollte in der Zukunft vermieden werden. Um überleben zu können musste ich die natürliche Ordnung verändern. Diese neue Ordnung ist auf Bild 3 zu sehen und besteht so noch heute, obwohl der äußere Widerstand nicht mehr vorhanden ist.

Das ICH hat zum lebendigen Selbst hin eine Barriere gebildet, um sich vor der von dort wirkenden Energie zu schützen. Der Verstand hat eine Barriere nach außen gebildet, um sich und das ICH vor der zurückgeworfenen und der von außen wirkenden Energie zu schützen. Interessanterweise übernimmt der Verstand vorauseilend die Funktion des äusseren Widerstandes, ebenfalls um sich selbst und das ICH zu beschützen. Bevor die Energie im Außen auf Widerstand trifft, soll sie bereits auf Verstandesebene „neutralisiert“ werden, damit sie als Reflektion keinen Schaden mehr anrichten kann. Der Verstand vertritt also statt der Interessen des lebendigen Selbst nunmehr die Interessen des beschränkenden Umfelds, um Leid zu vermeiden. Der Verstand ist aufgebläht, das ICH zusammengedrängt zwischen Verstand und der Barriere zum lebendigen Selbst. Eine Selbstverwirklichung ist unmöglich. Das ICH ist verwirrt, der Verstand hat die Macht. Was an Energie nach außen dringt ist durch den Verstand extrem deformiert und geschwächt. Jeglicher Einfluss von außen wird als bedrohlich empfunden, was die Bedeutung der Barriere zwischen Verstand und außen immer weiter erhöht. Das ICH fühlt sich abgeschnitten von seiner wichtigsten Energie- und Informationsquelle, ist zutiefst frustriert und kann keinerlei Hoffnung auf die Befriedigung tatsächlicher, eigener Bedürfnisse haben.

Diese Bilder verdeutlichen mir mein Problem und veranschaulichen Lösungen. Die Barriere zwischen ICH und lebendigem Selbst muss abgebaut, das ICH gestärkt und der Verstand von seiner bisherigen Schutzfunktion entbunden werden. ICH und Verstand müssen wieder lernen, einzig die Wünsche und Ideen aus dem lebendigen Selbst als Handlungsgrundlage gelten zu lassen. Nicht die Abgrenzung dem Außen gegenüber schützt vor Gefahren, sondern die Wiederherstellung der natürlichen Ordnung, ein Mensch der sich in seiner Gesamtheit als Eins fühlt.

Trauerspiel

Wer das Bonmot von der Runde der 4 Experten die mindestens 5 Meinungen haben zum Besten gibt, kann sich heiterer Zustimmung sicher sein. Im Jahre 2011 scheinen wir uns alle über die allgemeine Uneinigkeit vollkommen einig zu sein.

Ein Mann wie Helmut Schmidt erfährt eine Zuneigung, von der er während seiner aktiven politischen Laufbahn niemals auch nur zu träumen gewagt hätte. Warum lieben die Menschen einen solchen Mann?

Weil er Entscheidungen getroffen hat.

Entscheidungen, die seinerzeit alles Andere als unumstritten waren. Helmut Schmidt blieb der RAF und deren nahöstlichen Kampfgenossen gegenüber eisenhart, selbst als das Leben unschuldiger Mallorcaurlauber auf dem Spiel stand. Schmidt blieb trotz offensichtlichem Zerwürfnis mit seiner eigenen Partei bei seiner Überzeugung, dass auf die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen unbedingt mit dem NATO-Doppelbeschluss zu antworten wäre und riskierte damit das Auseinanderbrechen der von ihm als Bundeskanzler geführten SPD-FDP-Koalition – und er verlor. Und nicht nur er. Er schickte seine Sozialdemokraten damit auch für 16 Jahre auf die Oppositionsbänke im deutschen Bundestag. Doch die Geschichte gab ihm Recht: Dass das erneute Wettrüsten den Ostblock letztlich mit destabilisierte und in der Folge zu Fall brachte, lässt sich heute nur schwer bestreiten.

Als ein junger Adliger vor 2 Jahren als Bundeswirtschaftsminister vereidigt wurde, löste dies bei nicht Wenigen Kopfschütteln aus. Als dieser junge Mann allerdings kurze Zeit später mit seinem Rücktritt drohte, für den Fall dass der angeschlagene Autobauer OPEL entgegen jeder wirtschaftspolitischen Vernunft aber von Kanzlerin und Ministerkollegen favorisiert mit Steuergeldern gerettet werden würde, horchten nicht nur die Kopfschüttler auf. Das ein Politiker seine Machtposition für seine eigene Überzeugung aufzugeben bereit zu sein schien, war zum damaligen Zeitpunkt derart ungewöhnlich und undenkbar, dass diesem jungen Mann schon bald das Kanzleramt selbst zugetraut wurde. Schlimmer noch, um mit dem Wort seiner Vorgesetzten zu sprechen: Die Ablösung selbiger durch ihn galt alsbald gar als alternativlos.

Eine Plagiatsaffäre später brauchte sich die Amtierende allerdings trotz
500 000 Facebook-Klicks keine Sorgen mehr um ihr Amt machen.

Zurück blieb eine Politikergeneration, die zu Entscheidungen nicht mehr fähig ist. Während Schmidt und der blendende zu Guttenberg für ihre vermeintliche Geradlinigkeit noch immer geliebt werden, versagen Regierung und Opposition auf ganzer Linie. Wir erleben Menschen, denen eigene Überzeugungen gänzlich fremd zu sein scheinen. Notwendige Entscheidungen können nicht getroffen werden, da jeder Lösungsidee sofort eine Masse von Bedenkenträgern in Form von Lobbyisten und Experten entgegentreten, die den „Entscheidern“ die fürchterlichen Folgen jeder Lösungsoption an die Wand malen. Politiker ohne eigene Überzeugungen können dann nur eines tun: Nichts!

Und genau das geschieht.

Solche Politiker bekommen dann zu Recht das Zittern, wenn plötzlich eine Partei wie die Piraten mit 8,9% der Wählerstimmen in ein Landesparlament gewählt werden. Eine Partei, deren Qualität sich zunächst darauf beschränkt, die Sprache der Menschen und Wähler auch vor laufenden Kameras sprechen zu können. Eine Partei, die ihre Ideen, so abwegig sie manchem auch erscheinen mögen, so vorzutragen in der Lage ist, dass „normalen“ Menschen eine hinter diesen Ideen stehende Überzeugung wenigstens als vorhanden vorstellbar erscheint. Allein das reicht im Jahre 2011 für 8,9%.

Was für ein jämmerlicher Haufen sich da in den letzten Jahrzehnten an die Spitzen sämtlicher etablierter Pateien gemobbt hat, erkennen wir angesichts der äusserst bedrohlichen Wirtschafts-/Euro-/Geldkrise. Seit über drei Jahren geschieht nichts. Es wird diskutiert, vorgeschlagen, appelliert, moralisiert – aber nichts getan. Keiner der Protagonisten hat sich bisher dadurch ausgezeichnet, dass er das getan hätte, wofür er vom Souverän die Macht zugesprochen bekommen hat: Entscheidungen treffen. Wer wüsste, wofür er etwas tut (nämlich für seine Überzeugungen) hätte schon längst etwas getan. Und er hätte es selbstverständlich auch dann getan, wenn seine eigene Macht, sein kurzfristiger Vorteil oder gar sein guter Ruf auf dem Spiel gestanden hätten. Damit aber ist bei den Führern der etablierten Parteien auch in Zukunft nicht zu rechnen. Deshalb steht zu befürchten, dass auch weiterhin nichts geschieht, solange bis die Macht in den Händen derer liegt, denen die Macht selbst nicht wichtiger ist als die Entscheidungen, die einem gesunden Menschenverstand entsprechend schon längst hätten getroffen werden müssen. Und deshalb werden die nächsten Wahlen sehr interessant.

Wenn Entscheider nicht mehr entscheiden können, müssen zu Entscheidungen Fähige in die entscheidenden Positionen gewählt werden. Ganz egal übrigens, ob deren Entscheidungen sich dann im Nachhinein als Fehler herausstellen. Das ist natürlich ein Risiko. Wer aber das Risiko Fehler zu machen nicht mehr einzugehen bereit ist, ist dort wo Entscheidungen zu treffen sind, fehl am Platze. Derart Entscheidungsunwillige bzw. -unfähige sind im Weg und sollten schnellstmöglich Platz machen. Ich hoffe, dass dies schneller geschieht, als ich es im Moment für möglich halte.

Mensch mit beschränkter Haftung (MmbH) oder: Von Nichts kommt Nichts, außer Alles

Wenn die Fieberkurven der Börsenplätze mal wieder Jojo spielen und Regierungen sich erneut gezwungen sehen, mit nicht existierenden Milliarden um sich zu werfen (Milliarden, die erst durch das Werfen entstehen), dann kann auch jemandem wie mir, dessen Konto grundsätzlich allerspätestens 5 Tage vor Monatsende leer ist, leicht schwindelig werden. Ich habe mich schon immer verrückt machen lassen. Wenn sich dazu kein Anlass finden ließ, hab ich´s mir eben selbst besorgt. Vielleicht eine Art masochistischer Selbstbefriedigung. Dank medialen Overkills finde ich in den letzten Jahren aber immer was.

Allerdings wird es mir auch langsam langweilig, weil das ja alles irgendwie nicht ganz stimmig ist. Weder ist der Wald gestorben, noch hat mich der über mich hineinbrechende Kapitalismus zum Obdachlosen gemacht, ganz abgesehen von H1N1, BSE, CDU/FDP oder 9live. All das und noch viel, viel mehr wurde mir oder habe ich mir selbst zu schlimmen Bedrohungen erklärt.

Ich, und vermutlich alle Anderen auch, wurden von Beginn des eigenen Lebens an zugeschissen mit vermeintlichen Schrecklichkeiten, die alsbald eintreten würden. Weisheiten von – wie ich heute weiß – nur sehr spartanisch weisen Menschen, Glaubenssätze und Allgemeingültigkeiten und ideologische oder einfach nur bescheuerte Behauptungen, deren Nichtbeachtung uns auf dem kürzesten Wege in Teufels Küche oder aber wenigstens auf den Friedhof hätten bringen müssen. Kucke ma da, ich bin immer noch hier.

Eine besonders perfide, und von Astrophysikern und sehenden Menschen längst widerlegte und zudem endlos dämliche Falschaussage ist das von mir in der Überschrift zitierte „Von Nichts, kommt Nichts.“ Auch wenn die Mathematik von jeher behauptet, dass jede Multiplikation mit 0 (also Nichts) immer wieder nur Nichts ergeben kann, tut sich selbige doch aber auch schon immer sehr schwer damit, die Existenz des Universums zu erklären. Dreist wie die Logiker nun mal sind, begründen sie ihre Unfähigkeit damit, dass ihnen die nötigen Informationen zu einer Berechnung fehlen würden. Nun, das ist dummerweise eine der Eigenschaften des Universums, dass es nur Informationen in sich trägt, die sich innerhalb des Universums befinden. Höhö. Der Logiker steht ja aber über den Dingen. Fast so ein Arschloch wie mein Verstand. Fast.

Im Gegensatz zu den Mathematikern könnte man das Universum aber ja auch mal als Mensch betrachten. Und dann ist diese Aussage mit dem Nichts aus dem Nichts käme, schlichter Unsinn. Dieser blöde Spruch soll ja (meist junge) Menschen dazu animieren, irgendeinen Scheiß zu machen und nicht untätig das Leben zu genießen. Dabei handelt es sich um eine der größten Lügen überhaupt. Denn wer sehen kann wird auch erkennen, dass menschlich betrachtet (fast) ALLES aus dem NICHTS kommt. Ein paar Beispiele gefällig? Bitte schön:

Als die größte Energiequelle liefert die Sonne pro Jahr eine Energiemenge von etwa 3,9 • 1024 J, das entspricht 1,08 • 1018 kWh, auf die Erdoberfläche. Diese Energiemenge entspricht mehr als dem 7.000-fachen des Weltprimärenergiebedarfs.

Dafür muss kein Mensch einen Finger krumm machen. Trotzdem wird meine Scheiß-Stromrechnung immer teurer. Oder:

Erdöl entsteht aus abgestorbenen Meeresorganismen wie Algen. Sie werden während mehreren hunderttausend bis mehreren Millionen Jahren auf dem Meeresgrund abgelagert.

Keine dieser Algen hat ein Mitspracherecht, was die Preisgestaltung ihrerselbst an der Tankstelle betrifft. Aber ich muss abdrücken. Ohne die Alge müssten die Ölscheichs Fahrrad fahren oder auf´m Kamel reiten. Mit Alge bauen sie kilometerhohe Wolkenkratzer. Oder:

Das auf der Erde vorkommende Gold ist – wie alle Elemente die schwerer sind als Eisen – bei Kernverschmelzungsprozessen in einer Supernova entstanden, bevor unsere Sonne existierte. (wikipedia.de)

Kein Gramm Gold ist vom Menschen erschaffen. Was Menschen tun können, ist den Preis des Goldes in astronomische Höhen zu treiben. Aber im Ernst: Was machen Menschen eigentlich?

Sie formen. Mehr nicht.

Mit Energie kann man viele interessante Dinge anstellen. Maschinen Arbeit verrichten lassen. Bei Dunkelheit Licht machen.

Erdöl lässt sich zu Benzin raffinieren. Damit fahren heutige Autos. Und in diesen Autos sitzen Menschen, die zu faul sind ihre Beine zu benutzen oder denen ihre Beine nicht schnell genug gehen.

Gold ist ein tolles Element, eignet sich hervorragend zur Herstellung elektronischer Geräte. In erster Linie benutzen Menschen Gold aber für etwas völlig absurdes, nämlich als Werterhaltungsmittel. Gold ist zwar tatsächlich fast unverwüstlich, rostet nicht und wird erst nach unvorstellbar vielen Jahren vergehen (wie alles vergehen wird), aber essen kann man es nicht. 50 Kilo Gold mögen an der Wall Street ein Vermögen sein, in der Sahara ist es nichts wert.

Menschen machen keine Energie, machen kein Erdöl und machen kein Gold. Energie, Erdöl, Gold und viele andere Dinge sind Geschenke der Natur. Wir Menschen machen etwas daraus, etwas Gutes oder etwas weniger Gutes. Oder nix. Geschenk bleibt aber Geschenk. „Von Nichts kommt Nichts?“, als Mensch müsste ich mich über diese Aussage halb tot lachen.

Oder nehmen wir die Geschichte. Was musste ich für die Erfindung der Glühlampe tun? Nichts! Ich kann einfach in den Supermarkt gehen und eine kaufen, falls sie nicht gerade von der EU verboten wurde. Der von mir gezahlte Preis spiegelt jedenfalls nicht im Geringsten den Wert dieser genialen Erfindung wider. Es ist ein Geschenk. An mich. Danke.

Oder das politische System in dem ich lebe. Die wenigsten meiner Mitmenschen haben die Absicht, mir mit Gewalt ihren Willen aufzuzwingen. Warum eigentlich nicht? Ich wäre vielleicht gar kein schlechter Sklave.

Ich profitiere von Jahrhunderten kultureller Entwicklung, zu der ich NICHTS beigetragen habe. Das Rechtssystem, welches ich allen Unkenrufen zum Trotz jederzeit zu Hilfe rufen kann falls mir Unrecht geschieht, ist ein Geschenk. Unbezahlbar!

Ich könnte jetzt noch mit meinen Organen, meinem Gehirn und meiner DNA anfangen…wer hat meine Leber gemacht? Ich war´s jedenfalls nicht, aber ich bin sehr glücklich, dass ich eine habe, Prost!

Es ließe sich an dieser Stelle einwenden, dass die hier aufgeführten von mir so genannten Geschenke ja „nichts Besonderes“ seien. Aber warum eigentlich nicht? Weil diese Geschenke vielen, aber bei weitem nicht allen Menschen zur Verfügung stehen, aber zumindest fast allen im meinem direkten Umfeld? Ist ein Geschenk deshalb weniger wert, weil es alle bekommen? Ist ein Porsche mehr wert als eine gesunde Leber? Wohl kaum, und trotzdem neiden viele anderen Leuten ihren Porsche. Was soll das?

Es ist der Fluch des Vergleichs.

Vergleichen vernebelt die Sinne, zerstört Zufriedenheit, führt weg vom Glück und macht Genuss unmöglich.

Wenn mir eine Currywurst ganz ausgezeichnet schmeckt, dann ja wohl nicht deshalb, weil ich diese Currywurst mit der aus der letzten Woche, die mir nicht so gut geschmeckt hat, vergleiche. Die Wurst schmeckt einfach, sie ist scheiße-lecker, befriedigt mich.

Wenn ich ein Stück Musik einfach liebe, dann wohl kaum, weil ich es vergleiche mit anderen Songs. Würde sich mein Wertesystem tatsächlich aus Vergleichen speisen, wäre ich eine ganz arme Sau.

Ich liebe meine Frau, aber nur solange, bis mir eine „bessere“ über den Weg läuft. Ich bin mit meinem Auto zufrieden, aber nur, bis mein Nachbar das neuere Modell vor der Tür zu stehen hat. Ich fand den Film immer großartig, es war in dem Moment vorbei mit der Großartigkeit, als ich einen besseren Film sah. Solchen Aussagen wird hoffentlich jeder einen Vogel zeigen.

Und dennoch definiert sich in der mich umgebenden Welt sehr vieles über Vergleiche. Das dumme Gequatsche vom „Exportweltmeister“ ist da nur die Spitze des Eisbergs. Denn man kann wohl die Frage stellen, ob man der Beste ist, selbst wenn diese sich bejahen lässt, haben wir das Thema Zufriedenheit noch gar nicht berührt. Und doch ist dieses natürlich das entscheidende.

Durch Vergleich ist Zufriedenheit nicht zu finden. Ein Vergleich gibt nur Antwort auf die Frage, wo ich in einem Ranking stehe. Es gibt kaum etwas Unwichtigeres.

Wer sich und seine Position über Vergleiche definiert, verliert sich selbst, verliert das Wesentliche im Leben. Und vergisst, was tatsächlich etwas wert ist, all die Geschenke die mir als Mensch gemacht werden. Tag für Tag, ein Leben lang. Geschenke, die ich voller Demut annehmen, deren Wert ich aber auch jeden Tag durch dummes Vergleichen zerstören kann. Damit degradiere ich mein Leben zu einem Wettbewerb, in dem Freude, Genuss, Glück und Liebe keinen Platz haben.

Dummheit ist kein Unvermögen, sondern eine Fähigkeit. Eine Fähigkeit, die auf diesem Planeten bisher nur der Mensch entwickelt hat. Eine Fähigkeit, die mir mit viel Mühe beigebracht wurde, und man versucht es noch.

Wenn es einen Sinn des Lebens gibt dann den, das Leben als das zu erkennen, was es ist: Ein Geschenk.

Ein Geschenk, über das es allen Grund gibt, sich zu freuen.

Annehmen und danken!

Auf der Suche nach dem Unerfüllbaren

Ich hatte das Thema vor über 2 Jahren hier im Blog schon einmal angerissen und häufiger auch darüber gesprochen, muss es nun aber noch einmal von einer leicht veränderten Position aus betrachten. Interessanterweise stieß ich auf die Thematik, ohne dass ich mir bewußt war, daß ich darüber schon einmal geschrieben hatte. Es gehört wohl zu meinem Weg, daß ich einige Dinge immer mal wieder durchkauen muss.

Seit einiger Zeit stoße ich immer wieder an eine innere Grenze, deren Grundlage mir bisher nicht so ganz klar war. Auf Ideen und Vorschläge aus meinem Inneren reagiere ich immer häufiger ablehnend mit der Begründung, dieses oder jenes würde doch „nichts bringen“. Es ist ein Urteil über meine Wünsche oder Lüste, welches mir augenblicklich jede Kraft und Motivation raubt. Welches Gesetz liegt diesem Urteil zugrunde? Was ist dieses ominöse, was zu bringen sein soll? Und warum sind meine Wünsche und Lüste diesem bisher Unbeschriebenen so gänzlich untergeordnet?

Ich hatte das damals schon ganz gut erklärt (und war heute beim nachlesen selbst davon überrascht). Während Kinder, die in gesunde Familien hineingeboren werden, in den ersten Lebensmonaten und -jahren Liebe, Nähe, Vertrauen und Freude Anderer über das eigene Dasein erfahren, erlebte ich von vornherein fast genau das Gegenteil: Desinteresse, Distanz, Misstrauen und Missgunst. Wie damals beschrieben scheint mir in den Lebewesen (zumal in solchen, die in der ersten Zeit ihres Lebens derart hilflos und auf die Zuwendung des Umfelds angewiesen sind, wie wir Menschen) ein Mechanismus des Erwartens eingebaut zu sein. Das Lebewesen erwartet (und ist darauf angewiesen), dass die Eltern und Geschwister ihm selbst mit außerordentlichem Wohlwollen begegnen. Wenn zwei sich liebende Menschen ein Kind bekommen, ist dieses Wohlwollen vom ersten Moment an, natürlich auch schon vor der Geburt, für das Kind erfahrbar. Diese Eltern freuen sich auf ihr Kind, verstehen dieses als Ausdruck und als Ergebnis ihrer starken Liebe zueinander. Diese Freude, dieses Glück der beiden Partner überträgt und konzentriert sich auf das neue Leben. Das Kind erlebt sich selbst als Glück, was es für die (gesunden) Eltern ja auch ist. Dieses Glück, diese Liebe, die Sicherheit und Geborgenheit die sich aus diesem Erleben ergeben, erlebt das Kind als Selbstverständlichkeit. Man könnte es als Sätze formulieren (was das Kind aber aufgrund der Selbstverständlichkeit gar nicht tut), Sätze wie: „Ich bin willkommen.“, „Alle freuen sich darüber, dass es mich gibt.“, „Alle interessieren sich für mich.“, oder „Man hat mich gerne.“

Diese Grundlagen werden in einem liebevollen Umfeld immer und immer wieder gestärkt. Für das Kind sind diese positiven Umweltbedingungen derart selbstverständlich, dass auch zeitweilige Verstimmungen oder Ärger der Eltern über das Kind diese starke Basis nicht wirklich erschüttern können. Ausgestattet mit diesem Grundvertrauen kann sich das Kind problemlos hinaus ins Leben wagen, eigene Risiken eingehen und Verantwortung übernehmen. Erschüttert werden kann ein solcher Mensch tatsächlich nur durch ein früh erlebtes Zerwürfnis der Eltern oder aber durch traumatische Erlebnisse, wie Missbrauch oder andere an ihm begangene Verbrechen, andauernde Ablehnung (Mobbing in der Schule) oder schlimme Unfälle und Krankheiten.

Doch was geschieht mit einem Kind, das, wie ich, in einem wenig wohlwollenden Umfeld aufwachsen musste? Die (von mir unterstellte) naturgegebene Erwartungshaltung wird schon vor der Geburt enttäuscht. Statt in einer von Liebe erfüllten Mutter den Beginn der eigenen Existenz zu erfahren, erlebt das Ungeborene eventuell schon bedrohliche Ängste, schmerzende Wut, auf sich bezogenen Ärger (bei ungewollten Schwangerschaften) oder frustrierende Konflikte zwischen den zukünftigen Eltern. Abgesehen von wenigen, schrecklichen Einzelfällen, wird sich auch die Mutter eines nicht in Idealumständen zur Welt kommenden Kindes um dessen Versorgung kümmern. Was aber einem solchen Kind fehlt sind Liebe, Wohlwollen, Zuneigung und Sicherheit. Ein solches Kind ist weit entfernt von den oben formulierten Selbstverständlichkeiten und erfährt sein Sein von Anfang an als problematisch. Es erlebt die Eltern nicht als Geborgenheit gebende Einheit, sondern vielleicht als zerrissen und sich missverstehend. Das Kind empfindet sich als fünftes Rad am Wagen, hilflos eingeklemmt zwischen den nicht zu lösenden Konflikten der Eltern. Es erlebt, dass es zur Lösung der ihn umgebenden Probleme nichts beitragen kann, die Welt ist unverständlich, kompliziert, bedrohlich, tendenziell feindlich. Wenn die Eltern darüber hinaus unreif, psychisch gestört, alkoholabhängig und/oder grundsätzlich mit ihrem eigenen Leben überfordert sind, sind dem Kind seinerseits psychische Störungen buchstäblich in die Wiege gelegt.

Sollte es so sein wie ich vermute, dass ein jeder Mensch von Natur aus mit einer Erwartungshaltung ausgestattet ist, so wurde dieser in meinem Fall kaum bis gar nicht entsprochen. Und wie ich schon vor zwei Jahren schrieb, muss ich davon ausgehen, dass ich noch immer nach dieser Entsprechung suche. Alles was sich in mir als Wunsch oder Lust äußert wird noch immer (automatisch) auf die Möglichkeit abgeklopft, ob es sich dazu eignet, endlich diese grundsätzliche Erwartung zu erfüllen, ob es in diesem Sinne „etwas bringt“. Jeder Mensch der mir begegnet wird zum potentiellen Grundbedürfniserfüller, der falls er sich zunächst als geeignet erweist anschließend einer erweiterten Prüfung unterzogen wird. Diese Prüfung besteht gerne auch aus gezielten Provokationen, um den Betreffenden dazu zu bringen, seine Eignung als Grundbedürfniserfüller noch deutlicher unter Beweis zu stellen. Sollte der Proband auch diese Stufe überstehen, wird er mit noch absurderen Anforderungen konfrontiert.

Diese Prüfung hat noch niemand bestanden, denn das Bestehen ist überhaupt nicht definiert und kann auch nicht definiert werden. Es ist ein Teufelskreis aus dem es kein Entrinnen geben kann, solange sich der Prozess im Unbewussten abspielt. Kein Mensch, kein Freund, kein Partner kann eine Umgebung bieten oder schaffen, die ein Wohlwollen, eine Sicherheit und eine Geborgenheit beinhaltet, die vergleichbar wären mit dem, was ein Mensch in frühester Kindheit von seinen Eltern erwartet. Ganz abgesehen vom Anderen ist der Erwartende selbst natürlich auch kein kleines Kind mehr, sondern verfügt über eigene Lebenserfahrung und könnte ein solches Umfeld, sollte es denn geschaffen werden können, gar nicht mehr hinnehmen, ohne es kritisch zu hinterfragen.

Zu meiner eigenen (verzweifelten, aber vergeblichen) Suche nach der beschriebenen Bedürfniserfüllung kommt in meinem Fall erschwerend hinzu, dass auch schon das Leben meiner Mutter mutmaßlich nur auf dieses Ziel aber eben in Ihrem Sinne ausgerichtet war. Ich habe mir also schon von meiner nahestehendsten Bezugsperson all die völlig untauglichen Verhaltensweisen abgeschaut bzw. als „normal“ gelehrt bekommen. Allerdings war ich von ihr ebenfalls dazu auserkoren, ihr Grundbedürfniserfüller zu sein, was ich, zumal im Kindesalter natürlich nicht zu leisten im Stande war. In der Folge hatte ich zusätzlich zu meinem eigenen Manko die Frustration meiner Mutter über meine vermeintliche Unfähigkeit ihr ein geeigneter Bedürfniserfüller zu sein, über mich ergehen zu lassen.

In der Rückschau erscheint mir meine Kindheit wie ein Konzert aus Hilfeschreien. Ich hatte allen Grund um Hilfe zu schreien, habe aber auch gar nichts anderes gelernt. Das Flehen und Betteln sehe ich auch heute noch jeden Morgen in meinen Augen, wenn ich in den Spiegel schaue. Sich von der von mir als Selbstverständlichkeit anerkannten Hilflosigkeit aller zu emanzipieren, mir und Anderen endlich etwas zu zutrauen, dem unbewussten Teufelskreis zu entrinnen indem ich akzeptiere, dass die Erfüllung der (von mir unterstellten) naturgegebenen Erwartungen für mich für alle Zeit eine Illusion bleiben wird, all dies erkenne ich als meine Aufgabe an. Eine Aufgabe die zum Ziel hat, die Hoffnung auf etwas Unerfüllbares ein für allemal aufzugeben und dieses Leben, so wie es nun mal ist, endlich zu leben. Ein Leben, das Liebe als Grundlage leider nicht zu bieten hatte.

Ein Leben dank Mauer(fall)?

Wie sehr Sein oder Nichtsein von Zufällen und/oder Umständen abhängen, mag sich jeder dieser Tage anhand der norwegischen Ereignisse versuchen vor Augen zu führen. Es muss wie immer beim Versuch bleiben, denn sich vorzustellen, welch wichtige PolitikerInnen der Zukunft dort ihrer Existenz beraubt wurden, führt unweigerlich in den Bereich der reinen Spekulation. Individuelle Spekulationen selbstverständlich, die der Täter allerdings, wie wir Menschen es leider oft tun, wenigstens für sich zu einer schon existierenden Zukunft erklärt hat – die er nun durch pure Gewalt zu verändern suchte. Aus selbem Grund löschen hoch verschuldete und auch weniger hoch verschuldete Väter häufig ihre ganze Familie aus.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders, spekulieren ist schließlich „freie Wahl“, spätestens bis man das vergisst und stattdessen damit beginnt, (s)eine Wahrheit zu glauben.

Spekulationen sind und bleiben Phantasie, nicht nur was die Zukunft betrifft. Weniger angsteinflößend als Phantasien über die Zukunft sind welche, die die Vergangenheit betreffen, ist doch die Vergangenheit wie der Begriff schon sagt vergangen, das Ergebniss eingetroffen – unumstößlich. Die große Frage „Was wäre gewesen, wenn…?“ empfinde ich seit jeher als außerordentlich inspirierend, führt sie doch dem Fragenden unweigerlich die Nicht-Zwangsläufigkeit seiner eigenen Existenz vor Augen. Das es mich gibt war außerordentlich unwahrscheinlich, und doch bin ich da. Und warum bin ich immernoch da? Auch dies ist unter Umständen recht unwahrscheinlich. Auf der anderen Seite: Wäre ich nicht mehr da, wäre es mir auch nicht möglich, zu spekulieren. Allerdings ist auch das reine Spekulation.

Am 13. August jährt sich der Tag des Mauerbaus zum 50. Mal. Ich glaube, mein Schicksal ist mit der Mauer auf´s Engste verknüpft. Ohne sie hätte es mich nicht gegeben. Und ohne ihren Fall würde es mich nicht mehr geben. Jeder wird sich Ereignisse der Vergangenheit suchen und in vergleichbarer Weise sein Schicksal mit ihnen verknüpfen können. Jeder kann sich eine und vermutlich unendlich viele Geschichten dazu ausdenken, hier ist meine.

Ob der Mauerbau 1961 für meine Existenz wirklich nötig gewesen wäre, da bin ich mir nicht ganz sicher. Immerhin haben sich meine Eltern erst 1965 in Ost-Berlin kennengelernt und dies wäre wohl auch ohne Mauer möglich gewesen. Was dagegen spricht ist die Tatsache, daß die Angehörigen meiner Mutter damals zum größten Teil in West-Berlin bzw. West-Deutschland gelebt haben. Nur ihre Mutter nicht. Als es aber möglich war, ist die Mutter meiner Mutter relativ schnell ebenfalls nach West-Berlin übergesiedelt. Es spricht einiges dafür, daß sie diesen Schritt ohne Mauer sehr viel früher getan hätte und ihre Tochter, also meine Mutter ihr recht bald gefolgt wäre. Im Gegensatz zur Familie meiner Mutter, die ursprünglich in Schlesien und nach der Vertreibung in der Lausitz beheimatet war, war mein Vater gebürtiger Berliner, verwurzelt in einem Ost-Berliner Bezirk. Ob er sich ohne Mauer in ein in West-Berlin lebendes Mädchen verliebt hätte ist fraglich. Ob er sich ohne Mauer in ein aus der Lausitz stammendes Mädchen verliebt hätte ebenso, ganz abgesehen von der Frage, ob er sich auch mit Mauer überhaupt in dieses Mädchen verliebt hat. All diese Fragen müssen unbeantwortet bleiben. Ich kann nicht mehr fragen.

Mit Mauer scheint mir die Verbindung meiner Eltern aber wesentlich wahrscheinlicher als ohne. Reine Spekulation.

Als die Mauer 1989 fiel, war ich 16 Jahre alt. Mein Vater war vier Jahre zuvor gestorben und ich hatte keine Ahnung davon, daß ich von meiner Familie mit einem gewaltigen Dachschaden ausgestattet worden war. Um dies zu erkennen brauchte ich weitere 15 Jahre von denen ich meine, daß ich sie unter den Bedingungen einer weiterexistierenden DDR schlechterdings hätte überleben können. Warum? Ich spekuliere.

Der Dachschaden beinhaltete (und tut es noch) eine völlige Unfähigkeit auf konstruktive Weise mit anderen Menschen umzugehen. Während ich mir in den Jahren nach der Wende beruflich und auch privat eine zu ertragende Nische schaffen konnte, in der ich zurückgezogen mein Dasein fristen kann, wäre das so in einer DDR nicht möglich gewesen.

Ich hätte eine Lehre in einem Beruf zu Ende führen müssen, der mir überhaupt nicht lag und auch in keiner Weise meinen Interessen entsprach. In diesem Beruf hätte ich unglücklich werden müssen, bzw. noch unglücklicher als ich ohnehin schon war. Die Möglichkeiten in der DDR den Beruf zu wechseln, zumal wenn man derart angeschlagen war wie ich, waren gleich 0. Ich hätte keine Chance gehabt, ich hätte mich fügen müssen und bin mir sicher, daß ich daran zerbrochen wäre.

Ganz abgesehen davon hätte ich 1992 nach einer mit Ach und Krach bestandenen Lehrausbildung den Wehrdienst bei der NVA antreten müssen. Als völliger Soziophobiker wäre ich dort entweder zu einem totalen Zombie oder innerhalb kürzester Zeit zu einem Schwerstalkoholiker geworden.

Nach einer möglichen Rückkehr aus dem Wehrdienst wäre ich vermutlich so oder so dem Alkohol verfallen. Ohne familiären Rückhalt, ohne Freunde und Freundin hätte ich mich, und da bin ich mir sicher, nach nur wenigen Jahren zu Tode gesoffen.

Stattdessen fiel die Mauer. Und während dieses Ereignis vielen Menschen neue Entfaltungsmöglichkeiten bot, erhielt ich die Chance zu überleben. Während viele meiner Altergenossen sich neuen beruflichen Möglichkeiten zu wandten, die Welt kennen lernten, Familien gründeten und begannen, sich unter den neuen Bedingungen einzurichten, nutzte ich meine wenigen Talente – die in einer fortdauernden DDR nichts wert gewesen wären – um etwas Geld zu verdienen und mir meine kleine Nische zu schaffen. Meine eigene enge Blase, in der ich in dieser freiheitlichen Gesellschaft überleben kann.

Ohne den Mauerbau wäre ich mutmaßlich nicht entstanden. Ohne den Mauerfall hätte ich keine Chance bekommen, zu überleben. All das sind reine Spekulationen. Ein Urknall an Möglichkeiten, den jeder in jedem Moment seines Seins zünden kann.

Mögen Spekulationen in die eine wie die andere Richtung auch noch so glaubhafte Geschichten erschaffen, die Wahrheit findet sich nur im Jetzt.

Die Wahrheit ist: Ich bin.

Natürlich ließe sich selbst diese Tatsachenbehauptung in Zweifel ziehen, würde es denn um den Zweifel gehen. Der Zweifel ist aber nur dort relevant, wo es um Vergangenheit oder Zukunft geht. Im Jetzt brauche ich nur die Augen zu öffnen und sehen, das Herz öffnen und fühlen. Was ich sehe und was ich fühle ist, was ist – allen Spekulationen, allen Bewertungen und Einschätzungen zum Trotz.

Was ist, ist. Was ich weiß, weiß ich jetzt.

Das unendliche Reich der Phantasie beginnt mit den Reisen in die vermeintliche Vergangenheit oder in die imaginierte Zukunft. Wahrheit ist jetzt, so wie es ist. Ob es eine Mauer gab oder nicht.

Die lachende Revolution

Es sollte eine wichtige Rede werden, die Berater hatten wochenlang am Text gefeilt. Den ganzen Tag über hatte er geübt, er musste überzeugen. Viel, wenn nicht gar alles stand auf dem Spiel. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt mit den üblichen Gästen, aber auch mit vielen normalen Menschen. Er schritt zum Pult, räusperte sich noch einmal. Es wurde still und er begann:

„Meinen Damen und Herren, viele wichtige Aufgaben liegen vor uns. Die Menschen in unserem Land erwarten zu Recht, daß wir uns diesen Aufgaben mit aller Kraft widmen. Eines aber überragt alles in diesen Zeiten.“

Er hielt inne, um dem jetzt Folgenden zusätzlich Ausdruck zu verleihen.

„Wir müssen nun, beginnend mit dem heutigen Tage konsequent Schulden abbauen!“

Wieder Stille. Er wartete.

Einen kleinen Moment zu lange.

Genau jetzt, als er im Text fortfahren wollte, begann eine Frau in den hinteren Reihen leise zu kichern. Das irritierte ihn, er schwieg, die Frau kicherte weiter. Und jetzt setzte auch ein Mann mit Gelächter ein. Es lautes, brummendes Lachen. Unsicher schaute er zu den Parteifreunden in der ersten Reihe, die sich verwundert nach hinten umsahen. Schon war das laute Lachen weiterer fünf, sechs Zuschauer zu hören, bis sich innerhalb von nicht einmal 30 Sekunden der gesamte Saal vor Lachen ausschüttete. Männer in Anzug und Schlips verloren vollkommen die Haltung, hielten sich hilflos die Hände vor ihre prustenden Münder. Damen in Abendkleidern verrengten sich und pressten gegen ihre bebenden Zwerchfelle. Die anwesenden Journalisten ließen ihre schweren Kameras nach unten sinken, während sie sich augenrollend dem kollektiven Lachanfall hingeben mussten. Menschen taumelten aus den Reihen, selbst die Parteifreunde rutschten von ihren Stühlen, der ganze Saal erzitterte vor der ungeheuheren Macht dieser Attacke, bis auch er selbst vorne auf der Bühne, im Blick der Live-Kameras, in das überwältigende Konzert einstimmte, sich kringelte vor unfreiwilligem Vergnügen, schwitzend mit den Händen auf´s Pult schlug, nach Luft schnappend den Mund aufriss, während ihm die Tränen das Gesicht hinunter liefen.

Diese beeindruckenden Bilder gingen um die Welt, keine Nachrichtensendung konnte darauf verzichten. Und ab diesem Moment, wann immer jemand versuchte, in der Öffentlichkeit von Schulden zu sprechen, hatten alle – Redner wie Zuschauer – die Bilder dieses Abends im Kopf und prusteten los.

Für die Schuldenproblematik musste nun eine andere Lösung gefunden werden. Eine Lösung, die sich mit einem herzhaften Lachen vereinbaren ließ. Die Welt war ein Stück besser geworden an diesem Abend.

Echte Demokratie, Jetzt!

Die Bilder aus Spanien schockieren: Polizisten prügeln mit ungeheuerer Härte auf unbewaffnete, wehrlose, friedliche Demonstranten ein. Wie schon die Szenen aus dem Stuttgarter Schlossgarten, zeugen auch die Bilder der letzten Tage von der tiefen Krise der Art und Weise, wie wir Menschen in den so genannten westlichen Demokratien unser Zusammenleben organisieren. In der DDR nannten sich die Schergen des Systems dreist Volkspolizisten. Auch sie schlugen brutal auf jene ein, die sie mit gesundem Menschenverstand beurteilt, eigentlich zu schützen gehabt hätten. Damals, genauso wenig wie heute, war gesunder Menschenverstand ein Maß, an dem sich Befehlsgeber und Befehlsempfänger zu orientieren bereit gewesen wären. Der Unterschied zwischen Ländern wie der DDR damals und Ländern wie der heutigen Bundesrepublik ist die Tatsache, dass sich die Machthaber in Diktaturen nicht der Legende der demokratischen Legitimation bedienen können. Gemein ist beiden, dass sie gegen die Interessen des eigenen Volkes agieren und, wie heute gesehen, in entscheidenden Situationen nicht zögern, die Karte der Gewalt auszuspielen.

Wenn sich Menschen heute über diese Eskalation zu Recht erregen, so geschieht dies immer noch in dem Glauben, unser Demokratiemodell hätte etwas mit Volksherrschaft zu tun. Dem widerspricht eindeutig das Wort von der „repräsentativen Demokratie“, dass deutsche Politiker im Zusammenhang mit den Bürgerprostesten um „Stuttgart 21″, soweit ich mich erinnern kann erstmals, offen als Gegenrede zu dem verstärkten bürgerlichen Engagement nutzten. „Repräsentative Demokratie“ bedeutet allerdings nichts anderes, als dass die Menschen Politiker – ganz gleich welcher Partei – in die Parlamente wählen sollen, damit diese dann tun und lassen können, was sie wollen. Als Wähler kann ich nach meiner Stimmabgabe nur hoffen, dass sich die von mir gewählten Politiker nach der Wahl mir und meinen Mitbürgern gegenüber nicht als Schweine entpuppen. Mehr als Hoffnung habe ich nicht. Wenn nur noch Schweine die Chance habe, in die Parlamente gewählt zu werden, müsste ich, das Volk, auf alle Zeit akzeptieren, dass ich von Schweinen regiert werde. Das hat mit Volksherrschaft nichts zu tun. Das ist nicht Demokratie! Das ist Diktatur! Die Diktatur derer, die mit allen Mitteln ihren Machtanspruch, ihren Profit, ihr System verteidigen wollen. Ein System, daß nicht den Menschen dient, sondern dem die Menschen dienen sollen. Deshalb stehen die Spanier auf, und deshalb werde auch ich, werden wir alle aufstehen müssen.

Brechts Wort, wonach Widerstand zur Pflicht wird, wo Unrecht Recht wird, ist heute aktueller denn je. Vertreter eines Systems, die ihr undemokratisches Verhalten dem eigenen Volk gegenüber nur noch durch Floskelei und zur Schaugestellte Menschenverachtung zu verteidigen wissen, müssen durch das Volk auf den Boden der Tatsachen zurück geholt werden. Die spanischen Demonstranten haben vollkommen Recht, wenn sie hierfür Wahlen zu einem untauglichen Mittel erklären. Das die Parteien sich die von Wahl zu Wahl immer größer werdende Zahl der Nichtwähler einfach ihren eigenen, mageren Ergebnissen hinzurechnen können, ist heute eines der größten Defizite unseres politischen Systems. Demokratisch wäre z.B., wenn eine dem Anteil der Nichtwähler entsprechende Anzahl von Parlamentssitzen unabhängigen Abgeordneten zugewiesen werden würde, die wie Schöffen, aus der Mitte der Bevölkerung berufen werden. So wäre sichergestellt, dass sich die Parteien und die von ihnen getragenen Regierungen mit Ihren Vorhaben und Gesetzesvorlagen immer auch um Zustimmung im „einfachen“ Volk bemühen müssten, da sie ansonsten keine Mehrheiten in den Parlamenten bekommen würden. Fraglich, ob unter solchen Umständen noch Sozialkürzungen zugunsten von Bankenrettungen, Auslandseinsätze der Bundeswehr oder andere, über die Köpfe der Menschen hinweg entschiedene Vorhaben umzusetzen wären. Sicher, der Prozess der politischen Entscheidungsfindung würde durch solchermaßen organisierte Demokratie nicht einfacher. Auf ausgerechnet China und die dort existenten, aus der Machtposition betrachtet, deutlich einfacheren Durchsetzungsmöglichkeiten politischer Projekte zu verweisen, was sich manch Politiker oder Journalist mit der Begründung des völlig abstrakten, globalen Wettbewerbs schon zu wagen erlaubte, ist an Demokratiefeindlichkeit kaum zu überbieten. Hier zeigt die Parteiendiktatur ihre hässliche Fratze, hier zeigt der Systempolitiker, wie er tatsächlich zur Idee der Volksherrschaft steht: Er möchte sie unter allen Umständen verhindern.

Als Beispiel könnte man hier auch die althergebrachte Familie heranziehen, deren harmonischem Gedeihen es auch abträglich wäre, wenn vielleicht ja sogar 70 % der Familienmitglieder dafür wären, dem Sohnemann zugunsten eines Weinkellers das eigene Zimmer wegzunehmen. Das Ergebnis wäre zwar ein schicker, neuer Weinkeller, aber auch eine zerstörte Familie, dafür würde der Sohn schon nachhaltig und vollkommen zu Recht sorgen. Mehrheitsentscheidungen, zumal wenn sie erschummelt und damit für jeden erkennbar nicht legitimiert sind, mögen dem Demokratieverständnis unserer Politiker entsprechen. Dem Wohl des Volkes (und auch diese Begrifflichkeit kenne ich noch zu gut aus der DDR) können sie nicht dienen. Dem eigenen Volk zu dienen, dazu haben sich die Parlamentarier und vor allem die gewählten Regierungen aber verpflichtet. Das System in dem wir heute leben (müssen) erlaubt den Politikern, im Interesse einzelner Gruppen die Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft zu übergehen. Das dürfen wir nicht mehr zu lassen. „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

Zwingen wir uns und unser politisches System wieder zum Einsatz des gesunden Menschenverstandes! Die heute zur Verfügung stehenden Einflussmöglichkeiten reichen dafür nicht aus. Wir müssen wieder auf die Strasse! Ich muss, Du musst, Wir müssen. Tun wir es den arabischen Revolutionären gleich, nehmen wir uns unsere spanischen Freunde zum Vorbild, solidarisieren wir uns mit den griechischen Protestierenden. Sprengen wir die Diktatur! Und schaffen wir Echte Demokratie, Jetzt!

Erkenntnis als einzige Chance

Mir, als ziemlich zurückgezogen lebenden Menschen, wird immer mal wieder schlichte soziale Praxis zur Überwindung meiner psychischen Probleme empfohlen. Ich glaube, das ist zwar ein gut gemeinter, aber ein schlechter Rat. Warum?

Ich glaube, ein Großteil der von mir erlebten Schwierigkeiten beruht auf falschen Annahmen meinerseits, auf unbewußt wirkenden Überzeugungen, deren Inhalt oder sogar deren Existenz mir in den meisten Fällen unbekannt ist. Der Idee, viel und intensiver Kontakt zu anderen Menschen wäre grundsätzlich gut, kann ich nicht viel abgewinnen. Ich glaube nicht mehr daran, daß es einen Grund dafür geben könnte, wegen dem es lohnenswert wäre, mit anderen Menschen Kontakt zu haben. Ich habe lange danach gesucht und bin nie zu einem Ergebnis gekommen, jedenfalls zu keinem, das nicht eine Verzweckung von Beziehungen zur Folge gehabt hätte. Ich glaube inzwischen viel mehr, daß (gesunde) Menschen nur aus einem Grund etwas miteinander zu tun haben: Sie haben nichts dagegen.

Den Rest besorgt das Leben.

Ich aber habe sehr viel dagegen. Meine Vorbehalte werden nur durch Praxis ganz sicher nicht weniger, eher im Gegenteil. Denn die in mir wirkenden Überzeugungen werden durch das Erfahren anderer Menschen gar nicht wirklich berührt. Überzeugungen erzeugen eine Erwartungshaltung, die erfüllt werden will. Ich kann 19 von 20 Erfahrungen machen, die meinen Überzeugungen widersprechen, meine Erwartungshaltung bleibt…und fühlt sich durch die eine Erfahrung bestätigt. Überzeugungen ändern sich nicht durch Erlebnisse, sondern nur durch Erkenntnis. Die Kausalität zwischen Erlebnis und Erkenntnis, die mein gutmeinender Ratgeber unterstellt, kann ich nicht bestätigen. Wie soll da auch eine Kausalität entstehen, wenn meine Annahmen und Überzeugungen unbewußt, also unbekannt sind? Erkenntnis kann da nicht stattfinden.

Lohnenswert ist und bleibt für mich das Erforschen der eigenen Überzeugungen. Dafür Beziehungen zu anderen Menschen zu nutzen, mag hilfreich sein, wenngleich auch das widerum eine Verzweckung des anderen Menschen darstellt. Wer damit kein Problem hat, bitte sehr. Für mich kann dieser Weg aber schon deshalb nicht in Frage kommen, weil eine meiner Überzeugungen darin besteht, daß ich in Gegenwart eines anderen Menschen meine eigenen Interessen denen des Anderen unterzuordnen habe, ein Erforschen der eigenen Überzeugungen in solch einer Situation für mich also gar nicht möglich ist. Diesen Umstand zu beleuchten, mir die Aussagen dieser Überzeugung vor Augen zu führen und als absurd zu erkennen ist etwas, was ich am Besten zurückgezogen, für mich allein mache. Ein anderer Mensch stört mich da nur.

Besagter Ratgeber ist entweder ein gesunder Mensch, oder noch nicht an dem Punkt, an dem ich mich sehe. Die von ihm empfohlende soziale Praxis kommt für mich erst dann in Frage, wenn ich nichts mehr dagegen habe. Dann ist es aber auch nicht mehr die Lösung eines Problems, sondern einfach Leben.

NEIN

Ich bin ja eigentlich kein Freund der Konfrontationstherapie. Für Menschen wie mich, die Schwierigkeiten im Umgang mit einem „Nein“ haben, ist es ja aber vielleicht hilfreich.