Frieden in postfaktischen Zeiten

Wer 60 ist hält mich für jung, für 20jährige bin ich wohl alt – alles eine Frage der Perspektive. Was bin ich nun? Arm, reich? Groß, klein? Dumm, schlau? Naiv, erfahren? Bin ich rechts oder links? Wo sind nur die Fakten in diesen postfaktischen Zeiten?

Der Einfachheit halber und um ganz postfaktisch die Gegensätze auf ein Maximum zu schrauben, benutze ich mal diese beiden Begriffe: rechts und links. Damit kennzeichne ich im folgenden die „zwei“ „verfeindeten“ „Lager“ am Ende des Jahres 2016 am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland.

Den Linken sind die Rechten ein Graus und andersrum.

Für die Linken sind die Rechten dumpf, menschenfeindlich, böse. Die Rechten wollen in dieser Geschichte Ausländern, Homosexuellen und ohnehin allen Minderheiten all die in den letzten Jahrzehnten schwer erkämpften Rechte (hat nichts mit rechts zu tun) streitig machen. Rechte hassen alles Fremde und wollen sobald wie möglich wieder den Nazi-Faschismus in Deutschland einführen. Aus Sicht der Linken ist Multikulti eine Erfolgsstory und die Globalisierung so alternativlos wie die Kanzlerin. Wer da nicht mitmacht ist selbst schuld und wenn sich jemand um den Fortbestand seiner gewohnten Kultur Sorgen macht, so ist er ein ewiggestriger Verlierertyp, dem zuzuhören reine Zeitverschwendung ist. Die Rechten haben kein Recht an Diskussionen teilzunehmen, zumal sie ja sowieso viel zu dumm sind, auf dem Niveau der Linken zu argumentieren. Und schlecht angezogen sind sie auch noch.

Für die Rechten sind die Linken naiv, unpatriotisch, überheblich, böse. Die Linken wollen in dieser Geschichte Deutschland mit ungebildeten, kulturfremden Ausländern fluten und den guten Deutschen (also den rechten) ihre Lebensgrundlage nehmen. Linke hassen Deutschland und alle Deutschen. Linke wollen alles gute verbieten: Meinungsfreiheit, Geschlechter, das Volk und Fleisch. Die Linken sind erst zufrieden, wenn die (rechten) Deutschen zu gegenderten, sich den Ausländern unterwerfenden aber bitte weiter steuerzahlenden Arbeitszombies degradiert sind, die endlich wieder die Fresse halten und zum Islam konvertieren. Denn Rechte sind in Deutschland die einzigen die arbeiten. Alle anderen leben nur auf deren Kosten, vor allem die Lügenpresse. Überhaupt, die Linken lügen, dass sich die Balken biegen und das alles nur, weil sie Deutschland zerstören und den (rechten) Deutschen ihr Leben zur Hölle machen wollen. Mit ihrem hochgestochenen Gelaber rauben die Linken den Rechten den letzten Nerv. Die müssen immer widersprechen, fürchterlich!

Sie werden zugeben müssen, ich habe das ganz gut zusammengefasst, oder?

Und nun stellt sich die Frage, welche dieser beiden völlig absurden Positionen nun zutreffend den Zustand unserer Gesellschaft beschreibt. Darum wird gestritten. Ernsthaft. Und (fast) jeder hat Angst davor, dass der jeweils andere plötzlich recht bekommt und ab diesem Zeitpunkt (zum Beispiel nach der Bundestagswahl) diese eine, völlig verrückte Sicht gilt und sich ihr alle zu unterwerfen hätten.

Lassen wir doch mal für einen Moment rechts und links beiseite.

Ziehen Sie doch einfach mal in Betracht, dass die Person der (aus Ihrer Sicht) Gegenseite

- zu ihrem Urteil aus lauteren Motiven gekommen sein könnte. Motive, die Ihnen in diesem Moment nicht zugänglich sind und in dem konkreten Zusammenhang auch nicht geäußert wurden, die aber, wüssten Sie von ihnen, das Urteil tatsächlich auch für Sie verständlich und akzeptabel machen würde.

- über Erfahrungen verfügt, die sich von den Ihrigen unterscheiden und Sie sich, hätten Sie vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht, mit Ihrer Position gar nicht so weit von der Position Ihres Gegenübers entfernt sehen würden.

- genauso wie Sie Sorgen, Nöte, Ängste, Hoffnungen, Wünsche und sogar eigentlich gute Absichten hat, auch wenn es sich für Sie zuweilen nicht so anfühlt.

- das, was Sie an ihr als unzugänglich und böse bezeichnen würden, das Ergebnis von angestauter Wut und sich bedroht und unverstanden fühlen ist. Etwas das Sie vermutlich tatsächlich mit Ihrem Gegenüber gemein haben.

Das gesellschaftliche Dilemma in dem wir meiner Meinung nach gerade stecken, ist nicht die Frage, wer recht hat. Keine von beiden Seiten hat in ihren hanebüchenen Urteilen über die jeweilige Gegenseite recht. Wir alle werden auch in Zukunft hier zusammenleben müssen. In diesem Land, auf diesem Planeten. Wenn uns dieses zusammenleben nicht gemeinsam gelingt, dann wird es wirklich übel.

Das eigentliche Problem ist die Respektlosigkeit gegenüber der individuellen Erfahrungen und der sich daraus ergebenen verschiedenen Sichtweisen. Immer wieder wird der jeweiligen Gegenseite jegliche Legitimität für alles abgesprochen, was jede Kommunikation sinnlos macht. Verstärkt werden diese Effekte durch die Nöte von Politik und Medien, die im Kampf um Aufmerksamkeit auf maximale Polarisierung setzen (Stichworte „Gutmenschen“ und „Pack“) und die Empörungswellen, die sich schon allein technisch bedingt permanent durch die sozialen Netzwerke wälzen.

Erkennen Sie, dass Ihre Meinung lediglich Ihre Meinung ist und das jeder aufgrund seiner individuellen Erfahrungen zu einer anderen Meinung kommen kann. Deshalb ist dieser andere kein Idiot oder Nazi oder Naivling. Nehmen Sie ernst, und das ist die Kunst, auch wenn Sie sich zunächst selbst nicht ernstgenommen fühlen. Fangen Sie damit an. Gehen Sie voran, denn einer muss anfangen, wenn wir weiter friedlich zusammenleben wollen. Und ich bin mir sicher, wir wollen das alle. Ob alt oder jung. Ob arm oder reich, groß oder klein oder rechts oder links. Egal aus welcher Filterblase Sie stammen.

Sie schaffen das.

Menschlichkeit

Ich habe Angst, schon mein Leben lang. Ich habe gelernt mich meinen Ängsten zu stellen, habe versucht sie zu unterdrücken um dann festzustellen, dass ich nur mit ihnen umgehen kann wenn ich versuche, sie zu verstehen, zu respektieren, anzuerkennen. Ich habe Verständnis für meine Ängste. Sie sind deshalb nicht weg, aber ich kann sie einordnen. Das hilft mir häufig dabei Entscheidungen zu treffen, ohne mich dabei von meinen Ängsten übermannen zu lassen.

Ich mache mir Sorgen, ich wollte es wäre nicht so. Ich sorge mich um das Land in dem ich lebe. Offenbar bin ich ein besorgter Bürger. Als solcher bezeichnet zu werden, gilt momentan als eine Art Beleidigung.

Als nach dem Mauerbau 1961 die ostdeutschen Flüchtlinge und Arbeiter ausblieben, drohte das westdeutsche Wirtschaftswunder auf der Strecke zu bleiben. Das Land war nach den verheerenden Zerstörungen des Krieges wirtschaftlich in einem ungeheuren Aufschwung. Es gab Arbeit in Hülle und Fülle, Arbeitslosigkeit war etwas fremdes, im Gegenteil, die Industrie suchte händeringend nach Arbeitskräften. So entschied man sich zunächst Menschen aus Italien und Griechenland anzuwerben. Später holte man in großem Stil Arbeiter aus der Türkei ins Land, nannte sie Gastarbeiter und war lediglich an deren Arbeitskraft interessiert. Für die Kultur dieser Menschen interessierte sich niemand. Für Integration auch nicht, man ging ja davon aus, dass die Menschen früher oder später wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden.

In der DDR folgte auf den Mauerbau ebenfalls eine wirtschaftliche Stabilisierung. Die jungen, gut ausgebildeten Menschen konnten nicht mehr in den Westen, die DDR-Regierung versuchte mit verschiedenen Maßnahmen die Unzufriedenheit mit dem System unter Kontrolle zu halten. Für Menschen die sich mit dem Staat arrangierten erhöhte sich die Lebensqualität spürbar, es ging voran.

Während in Westdeutschland durch die 68er-Bewegung und den neuen Bundeskanzler Brandt eine gesellschaftliche Öffnung stattfand, zeigte der Osten seinen Bürgern mit der Niederschlagung des Prager Frühlings das Gegenteil. Die DDR blieb abgeschottet. Erst im Laufe der 70er-Jahre zeigte sich allmählich, dass sich der Lebensstandard in beiden deutschen Staaten erkennbar deutlich auseinander entwickelte. Die Unzufriedenheit auch der vielen angepassten DDR-Bürger stieg und mündete nach dem Amtsantritt Gorbatschows 1985 schließlich in Wende, Mauerfall und deutsche Einheit.

Viele Ostdeutsche sahen die Vereinigung zunächst als Prozess des Zusammenwachsens auf Augenhöhe. Viele Westdeutsche verstanden sich meinem Empfinden nach allerdings als Sieger, so wie sich der Westen allgemein als Sieger des kalten Krieges verstand. Was folgte war ein Zusammenprall. Ausdruck des gegenseitigen Unverständnisses war z.B. das Reden von Jammer-Ossies und Besser-Wessies in den 90er-Jahren. Während sich für fast jeden Ostdeutschen das Leben grundlegend veränderte, blieb für die meisten Westdeutschen alles wie es war. In kürzester Zeit hatten sich die Ostdeutschen den geltenden westdeutschen Standards anzupassen. Es galt, was im Westen seit 40 Jahren praktiziert wurde, was sich dort über diese Zeit auch an gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten entwickelt hatte.

Die Ostdeutschen verabschiedeten sich schweigend von Ihrer Vorstellung einer Vereinigung auf Augenhöhe. Viele, auch ich, erlebten und erleben die „Siegermentalität“ des Westens als anmaßend, überheblich, ignorant und heuchlerisch. Heuchlerisch deshalb, weil im Westen mitnichten alles bestens gelaufen war. Wer als ostdeutsch sozialisierter die Zustände in Berlin-Wedding oder Duisburg-Marxloh sieht, weiß was im Westen nicht gut gelaufen ist. Im Osten gab es keine Gastarbeiter (es gab Vietnamesen und einige andere, aber es war festgelegt, dass diese „Vertragsarbeiter“ wie sie genannt wurden, nach einer festgelegten Zeit in Ihre Heimatländer zurückkehren). Integration war ein Fremdwort. Im Osten gab es keine Italiener, keine Döner-Buden und keine Teestuben. Es gab keine Parallelgesellschaften, keine Familien-Clans und keine Drogen-Dealer. Man mag das eine bedauern und das andere beneiden. Das sich Menschen etwas Gescheitertes nicht unbedingt wünschen, dafür könnte man allerdings Verständnis haben.

Ich sehe zur Zeit ein Auseinanderdriften der Gesellschaft, wie ich es in den 25 nicht einfachen Jahren der Einheit dennoch nicht für möglich gehalten hätte. Es ist aber dies nicht ein Auseinanderdriften zwischen Ost und West, sondern eines zwischen Wohlhabenden und weniger Wohlhabenden. Dass die Grenze zwischen diesen beiden Gruppen in großen Teilen auch die ehemalige Grenze zwischen Ost und West bildet ist ein Hinweis darauf, dass die Vereinigung beider deutscher Staaten mutmaßlich nicht ganz so toll gelungen ist, wie jetzt zur 25-Jahres-Feier wieder allenthalben verkündet. Ob Immobilienbesitz, Anzahl ostdeutscher DAX-Vorstände oder der prozentuale Anteil an Hartz-IV-Berechtigten, von einer Einheit der Lebensverhältnisse kann jedenfalls keine Rede sein.

Und das ein Großteil derjenigen, für die sich die Hoffnungen der deutschen Einheit nicht erfüllt haben und/oder die sich durch die „Reformen“ der 00er-Jahre abgehängt sehen, die Konkurrenz durch junge Migranten auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt fürchtet, dafür jedenfalls könnte man Verständnis haben.

Stattdessen werden die schon lange vorhergesagte Flüchtlingswelle als unabwendbares Schicksal und die überwiegend gescheiterte Integration der Gastarbeiter und deren folgenden Generationen in Westdeutschland als jederzeit wiederholbarer Erfolg dargestellt. Das diese Realitätsverweigerung, die es in den Augen vieler weniger Wohlhabenden ist, zu einer ungeheuren Wut führt, ist im Gegensatz zu offenbar vielen anderen Menschen in diesem Land für mich keine sonderlich große Überraschung. Ich habe für die Angst und für die Wut Verständnis.

Wofür ich kein Verständnis habe, sind verbale oder physische Gewalttaten, egal aus welcher Richtung, egal aus welchem möglicherweise berechtigten Motiv. Meinem Verständnis nach ist es allerdings Aufgabe der Politik, die Verhältnisse so zu gestalten, dass Kleingeister sich zu solchen Taten erst gar nicht berechtigt fühlen. Was das betrifft, scheint mir aber jedes Kind schon in jeden Brunnen gefallen zu sein.

Ich habe Angst und ich mache mir Sorgen. Ich versuche Verständnis zu entwickeln. Und sehe um mich herum eine bedrohliche Verhärtung von Fronten. Wie immer, arm gegen noch ärmer. Wohlhabend gegen sorgenvoll. Zuversichtlich gegen ängstlich. Um Verständnis, um Einheit bemüht sich momentan keiner. Und das all die Flüchtlinge sicherlich viel lieber mit einer guten Perspektive und in Frieden in ihrer Heimat leben wollen würden, davon und wie wir vielleicht dafür sorgen könnten, ist in dieser aufgeheizten Diskussion schon gar nichts zu hören. Stattdessen scheint es nur um unsere Vorteile und unsere Nachteile zu gehen. 2 qm Turnhalle und die Perspektive auf langanhaltende Auseinandersetzungen mit den Unterprivilegierten unserer Gesellschaft – sorry, aber für mich ist Menschlichkeit etwas anderes.

Ich fürchte, das Pendel wird in die andere Richtung ausschlagen. Ich fürchte eine rechts-nationalistische Regierung, die Ressentiments folgen wird, wie es bereits in anderen europäischen Ländern zu sehen ist. Ich fürchte gewalttätige Auseinandersetzungen, zwischen Menschen und zwischen Ländern. Im Moment findet vor allem Abgrenzung und Positionierung auf der einen und der anderen Seite statt. Solange niemand beginnt, Verständnis für die andere Seite zu entwickeln, steuern wir weiter auf Auseinandersetzungen zu. Solange die Sorgen und die Ängste und die Wünsche der Bevölkerung und die Sorgen und die Ängste und die Wünsche der Flüchtlinge nicht offen ausgesprochen und als berechtigt verhandelt werden, solange werde ich mir Sorgen machen müssen. Und solange läuft alles auf eine Eskalation hinaus.

Ich bin ein besorgter Bürger. Ich bin kein Feind! Ich bemühe mich um Verständnis und fühle mich dabei momentan sehr einsam.

Ernsthaft?

Ich bin verwundert.

Menschen gehen auf die Straße, nutzen ihr Demonstrationsrecht. Dabei ertönen Sprechchöre, es werden Reden gehalten und Transparente gezeigt. Bürger äußern offensichtlich ihren Unmut, worüber, weiß ich nicht genau. Nur eines ist sicher, 17 000 Bürger gehen nicht auf die Straße, weil sie sonst nichts zu tun haben, bei 4 Grad Kälte und kurz vor Weihnachten.

Fast alles, was ich von Pegida wahrnehme, ist für mich unverständlich. Ich habe keine Ahnung, was diese Menschen wollen, ich bin mir sicher, sie wissen es selbst nicht so genau. Aber sie stehen jeden Montag in Dresden, und es werden von Woche zu Woche immer mehr. Das ist die Realität.

Fast noch verwirrender als Pegida selbst, finde ich die Reaktionen auf dieses Phänomen. Ich wundere mich über den Aufschrei von Medien, Politik und Internetprominenten über Pegida. Wissen die Meinungsführer in diesem Land wirklich nichts, von dem weit verbreiteten Rassismus in der deutschen Bevölkerung? Ich schätze, dass sicherlich 50% der Deutschen sich regelmäßig rassistisch äußern. Nicht im Fernsehen, sondern privat, im kleinen Kreis oder im Internet. Das ist kein neues Phänomen, sondern seit Jahren und Jahrzehnten absoluter Standard. Wer sich nicht völlig von der „normalen“ Bevölkerung abgeschottet hat, der kann unmöglich von den Äußerungen auf den Pegida-Demos überrascht sein.

Nun bin ich kein Meinungsforschungsinstitut – wer würde auf die Frage, ob er ein Rassist sei schon mit „ja“ antworten – sondern ich bin ein Mensch mit offenen Augen und Ohren. Und so manchen, der sich jetzt im Internet klar Anti-Pegida positioniert, habe ich schon sehr dumpfes Zeug reden hören. Nicht im Fernsehen, sondern privat, im kleinen Kreis. Und die meisten von denen sind beileibe keine Dummköpfe oder verkappte Nazis.

Rassismus wird in der aktuellen Debatte als Schlagwort benutzt. Es wird voller Sorge, voller Empörung oder mit inbrünstiger Ablehnung ausgesprochen. Die Pegida-Demonstranten werden Rassisten genannt. Gerne werden aber auch gleich ganze Gruppen abgewatscht: DIE Ostdeutschen, DIE Ungebildeten, DIE Verlierer, die Abgehängten.

Liebe Wortführer in Politik, Medien und Internet.

Ja, es gibt Ostdeutsche, es gibt Ungebildete, es gibt jede Menge Verlierer. Und es gibt wahnsinnig viele Rassisten in Deutschland (und zwar nicht nur im Osten). Durch Beschimpfungen gehen die nicht weg. Die gehen gar nicht weg. Ist das für Euch wirklich eine Neuigkeit?

Sollte die Antwort auf diese Frage „Ja“ sein, haben wir in unserer Gesellschaft ein deutlich größeres Problem, als Pegida. Es würde nämlich wie oben angerissen darauf hindeuten, dass sich die „Eliten“ schon vor langer Zeit von einem Großteil der Bevölkerung abgewandt haben.

28,5% der Wahlberechtigten haben bei der letzten Bundestagswahl auf ihr Mitbestimmungsrecht verzichtet. Zu hören war von diesen Menschen nichts. 20,3 Prozent der Bevölkerung sind laut einer aktuellen Untersuchung des Statistischen Bundesamtes arm oder von Armut bedroht. Ich weiß, diesen Menschen geht es nicht so schlecht, wie den Menschen in Bangladesch oder den Flüchtlingen aus Syrien. Diesen über 16 Millionen Bundesbürgern fehlt es aber dennoch an allen Ecken und Kanten, vor allem an einer Perspektive, sie leben gerade ein beschissenes Leben. Zu hören war von diesen Menschen in den letzten Jahren fast nichts.

Es ist auch kein neuartiges Phänomen, das Menschen denen es nicht gut geht, eher auf denen rumtrampeln, denen es noch schlechter als ihnen selbst geht. Durch Beschimpfungen geht es diesen Menschen nicht besser.

Mögen Eure Verurteilungen auch berechtigt sein, Eure Apelle an Anstand und Moral gut gemeint, nichts davon wird etwas daran ändern, dass diese Menschen sich jetzt auf eine sehr vorhersehbare Weise Gehör verschaffen.

Davon ist jemand überrascht? Das haben Politiker und Journalisten nicht wahrgenommen?

Sind Euch Wortführern aber der alltägliche Rassismus sehr wohl bekannt, und auch die traurigen Lebensumstände eines Fünftels der deutschen Bevölkerung, dann sind Eure Reaktionen pure Heuchelei und lediglich Ausweis Eurer berechtigten Angst, dass das, was Ihr über Jahre zu verschweigen versucht habt, nun in äußerst unangenehmer Form zutage tritt.

So oder so, wenn man die Frage stellt, zu wessen Gunsten Ihr nicht wissen wolltet oder verschwiegen habt, so fällt mir nur die Gruppe der Bevölkerung ein, zu der Ihr Euch selber zählt. Die Flexiblen, die Gewinner, die, die es geschafft haben oder die glauben, schon bald zu diesem erlauchten Kreis zu gehören. Die Gebildeten, die Kosmopoliten, die Mehrsprachler und Vielreiser, die, die sich ihren sehr wohl ebenfalls vorhandenen Rassismus lieber verkneifen, ihn nur im kleinen Kreis, im Privaten oder anonym im Internet von der Leine lassen. Ihr lügt Euch in die Tasche. Eure Empörung ist unglaubwürdig, schicken doch die meisten von Euch die eigenen Kinder eben nicht in die staatliche Schule mit hohem Migrantenanteil. Und Ihr wisst auch genau, dass Eure Kinder ohne Abitur kaum noch eine Chance auf ein glückliches Leben in diesem Land haben. Wenn jetzt 17 000 Menschen keine Lust mehr haben, Euer Wolkenkuckucksheim zu bewahren, während sie selbst von Abstiegsängsten geplagt sind, und dies auf eine drastische, aber sehr übliche Art äußern, ist jedenfalls verständlich, dass Ihr es mit der Angst zu tun bekommt. Eure Reaktion ist aber leider ebenso vorhersehbar wie jämmerlich.

Eine Gesellschaft, in der es nur noch Gewinnern gut geht, geht vor die Hunde. Eine Gesellschaft, in der die Gewinner nur noch mit ihresgleichen reden und überraschenderweise zu dem Schluss kommen, es könne doch wohl jeder schaffen und wer es nicht schaffe, ist eben selbst schuld, kann in dieser Form keinen Bestand haben. Macht die Augen auf und nehmt zur Kenntnis, dass Ihr diejenigen seid, die Glück gehabt haben. Und das den meisten Eurer Mitmenschen dieses Glück versagt geblieben ist. Auch weil Ihr unbedingt glauben möchtet, dass Ihr der Standard seid. Die, die Ihr für die Abgehängten haltet, sind die Mehrheit. Und ein erst kleiner Teil dieser Mehrheit hat bei Euch gerade ein Knöpfchen gefunden, auf das man drücken kann. Und drückt, jeden Montag.

Rassismus ist übrigens etwas sehr naheliegendes und zeugt lediglich von Unbewusstheit. Es ist eine nützliche Eigenschaft des menschlichen Gehirns, zu verallgemeinern. Ein fahrendes Auto kann mich verletzen, egal ob es rot, grün oder blau ist. Ein großer Vorteil, dort nicht zu unterscheiden. Wenn mir ein Ausländer unangenehm aufgefallen ist, ist das Fremde das Kriterium, an dem ich künftig das Unangenehme zu erkennen glaube. Ein Irrtum mit fatalen Folgen für die dann Diskriminierten. Deshalb muss man sich bewusst machen, dass jeder Mensch ein Individuum ist und man mit jeder Verallgemeinerung jemandem Unrecht tut. Und sich selbst im Irrtum belässt. Das kann man Rassisten erklären. Ich habe das schon mehrmals erfolgreich gemacht. Allerdings habe ich sie vorher nicht beschimpft. Sonst hätten sie mir sehr wahrscheinlich gar nicht zugehört.

Vorsicht, bissige Realität

Der Herbst grüßt benebelt und Rätsel schreien mich an. Dann schreie ich auch mal eins. Ist schließlich eine meiner Spezialitäten.

Wenn Du als erstes gebissen wurdest, hast Du für immer Angst vor Zähnen und siehst überall bissige Hunde. Der eine beißt fortan seinerseits um sich, der andere flüchtet, sobald er sich nur etwas bezahntes vorstellt. So ist das Schicksal besiegelt. Er kommt in den Knast, ich in meinen eigenen. Wir sind gefangen in unseren Schocks.

Alles wird zu Zähnen. Und gebissen werden, wird verboten. Wie der Mann mit Hammer jedes Problem zum Nagel erklärt, erkläre ich alles Lebendige zum verbotenen bissigen.

Zweiundvierzig. Da brauche ich jetzt noch ein Jahr. Und vielleicht schaffe ich es ja bis dahin, etwas verbotenes zu zulassen. Nämlich, mich beißen zu lassen. Denn nicht der Biss ist das Problem, sondern das Verbot.

Der Nebel ist mein Freund. Macht alles so grau wie ich es sein muss. Ich schäme mich, grau zu sein. Außer bei Nebel. Doch wäre ich bunt, ich bin mir sicher, ich würde wieder gebissen werden. Bunt ist also auch verboten. Aber nicht bunt ist das Problem, sondern das Verbot.

Das Erlauben hebt das Verbot übrigens nicht auf. Ganz im Gegenteil, eine Erlaubnis ohne ein Verbot wäre keine. Nur vergessen löst Verbote auf. Lass mich vergessen. Lass mich sein. Bunt. Gebissen. Oder endlich heil. Denn wie alles lebendige wollte und will auch ich einfach leben. Aber das war mir leider verboten. Aber nicht das Leben ist das Problem…

Deins oder meins?

Wenn wir uns sehen, bin ich dann zu Gast in Deinem Leben? Bin ich dann dafür verantwortlich, was Du erlebst? Habe ich dafür Sorge zu tragen, dass Du Dich nicht langweilst, Dich nicht ärgerst oder Du nicht mit Dingen konfrontiert wirst, mit denen Du lieber nichts zu tun haben möchtest? Habe ich Dich zu unterhalten, zu begeistern und mich um Deine Zuneigung zu bemühen? Muss ich mich um Dein Wohlbefinden kümmern, Dir genehme Antworten auf Deine Fragen geben, Deine Lieblingsknabbereien und bevorzugten Getränke bereitstellen?

Und wenn Ihr zu zehnt seid? Bin ich dann in 10 Leben zu Gast? Und muss mich das nicht fürchterlich überfordern? Bin ich eigentlich der Weihnachtsmann?

Und wann besucht Ihr mich mal in meinem Leben? Wann bin ich endlich mal dran?

Oder ist das vielleicht alles MEIN Leben? Immer?

Ich hab meins, und Du hast Deins? Und geht das nicht vielleicht so? Nicht ich für Dich, sondern ich für mich? Und nicht Du für mich, sondern Du für Dich? Und jeder für sich?
Und keiner ist der Weihnachtsmann, und keiner macht Mätzchen. Und jeder darf sein Leben leben und das geht auch gut gemeinsam? Und keiner ist ein Gast, und jeder ist zuhause. Hier. Überall. Jetzt. Immer.

Und keiner ist überfordert. Und jeder ist er selbst. Sogar ich.

Ich???

Nee, oder?

Ein alter Feind

Nun hast Du mich fast umgebracht. Tot war ich ja schon länger. Was hattest Du nicht Recht. Und all die Argumente, die Logiken und Annahmen und Statistiken und Schlussfolgerungen. Du hattest so Recht. Und ich war so am Arsch, mit Dir…am Arsch. Millionen Fragen, die man stellen kann. Millionen Antworten, die man geben kann. Dein/Mein Endlos-Karusell hat mich zeitlebens schwindelig gemacht. Und panisch…und verwirrt…und ängstlich. 40 Jahre Ratschlägereien rund um die Uhr enden endlich in schwer verdienter und teuer bezahlter wunderbarer Ratlosigkeit.

Platon und Sokrates, Galilei und Kopernikus, Kant und Hegel – deren Intellekte haben den Menschen wohl vorangebracht. Meiner hat nur gequält. Mich und andere. Hat seine unglaublichen Fähigkeiten dazu genutzt, mir die Hölle auf Erden zu schaffen. Verdient er Dank, dass er nicht auch noch Millionen…oder ein paar eigene Kinder mit ins Verderben gerissen hat?

Mein Intellekt, das miese Schwein. Könntest so großartig sein, oder wenigstens Großartiges zulassen. Du kannst nichts dafür, ein Schwein zu sein. Ich sauf Dich mir behutsam weg. Und je weniger Du zu fragen und zu antworten und zu geifern und zu urteilen in der Lage bist, desto mehr darf ich leben. Und vielleicht lieben. Und erkennen was es tatsächlich ist, dieses Dasein.

Ein wunderbares Wunder, das am Besten zu bewundern ist.

Schweigend.

Geht einfach weg!

Als Willy Brandt 1992 starb habe ich geweint, obwohl ich für das bewusste Erleben seiner Kanzlerschaft einen Tick zu jung bin. Willy Brandt war für mich der Inbegriff der Sozialdemokratie. Ein älterer Herr, aufrecht bis ins hohe Alter. Brandt empfand ich bis zuletzt als Politiker und Menschen voller Leidenschaft und ich freute mich sehr, dass er Mauerfall und Vereinigung noch miterleben durfte. Wenn ich heute den Kniefall von Warschau in TV-Dokus sehe, kommen mir immer noch die Tränen. Ein großer Mann aus einer großen Partei.

Als Helmut Kohls Kanzlerschaft nach der ihm in den Schoss gefallenen deutschen Einheit einfach nicht enden wollte, war ich so verzweifelt, dass ich selbst Rudolf Scharping meine Stimme gab. 1998 moderierte ich in einem Privatradio die Sendung am Wahlabend und verkündete sicherlich etwas zu wenig neutral den Sieg der SPD und von Gerhard Schröder.

Die SPD war für mich immer die Partei der „normalen Leute“. Sie kämpfte für soziale Gerechtigkeit, faire Löhne, Verbesserungen der Lebensverhältnisse, bessere Chancen für Menschen, denen der erfolgreiche Lebensweg nicht in die Wiege gelegt war. Die SPD war die Partei, die mich als ihren Wähler, mit ihrer Politik mein Leben besser machen wollte – so war mein Eindruck, so war mein Gefühl.

Dieses Gefühl starb mit der Agenda 2010. Nicht weil ich von Hartz 4 direkt betroffen war, sondern weil ich davon betroffen sein könnte. Nicht CDU und FDP haben das Übel des Neoliberalismus aktueller Prägung in dieser Gesellschaft verankert, es war meine SPD, die ehemalige Partei der „normalen Leute“.

Stagnierende Löhne, unsicherere Arbeitsverhältnisse, unmenschlicher Druck auf Arbeitende und Arbeitslose, Dauer-Praktika, Steuergeschenke an Wohlhabende bei gleichzeitig steigenden Schulden der öffentlichen Haushalte, Verfall der Infrastruktur, Privatisierungsorgien ohne Sinn und Verstand, Kommerzialisierung der Gesundheitsversorgung, Reduzierung der europäischen Idee auf Marktkonformität, Zerstörung des Sozialen in unserer Marktwirtschaft, Erpressbarkeit der Politik und der Menschen durch die Wirtschaft, Duldung von Steuerhinterziehung unvorstellbaren Ausmaßes durch globalisierte Großkonzerne, Finanzterrorismus, das schulterzuckende Akzeptieren eines alle demokratischen Grundsätze über den Haufen werfenden Prinzips namens „Too Big Too Fail“ – all das sind die Folgen des neoliberalen Irrsinns. All das hat die SPD begonnen. Und sie wird leider immer noch nicht damit aufhören.

Diese SPD hat sich heute beklatscht. Sigmar Gabriel behauptete dreist, Willy Brandts Vision vom „Mehr Demokratie wagen“ wäre durch das Mitgliedervotum der SPD-Mitglieder nun endlich Wirklichkeit geworden. Ich frage mich, was die SPD dann in den letzten 150 Jahren Parteigeschichte gemacht hat, Demokratie war es also nicht.

Sorry, Ihr 75,96% SPD-Mitglieder, die Ihr für die große Koalition gestimmt habt. Ihr habt heute für die Fortführung des neoliberalen Irrsinns gestimmt. Ihr seid dafür verantwortlich, dass dieses Land und mindestens dieser Kontinent und ein Großteil dessen Bewohner weiter vor die Hunde gehen werden. Ihr seid im Weg, Ihr besetzt einen Platz im politischen Spektrum, auf den eine geläuterte, eine sich dem neoliberalen Spuk entgegenstellende SPD gehört. Eine Partei der „normalen Leute“, eine Partei, die mich als Wähler will. Macht Platz, haut ab, Ihr hattet die Chance den Wahnsinn zu beenden. Ihr, die noch verbliebenen SPD-Mitglieder seid zu alt, zu blind, zu blöd. Ihr habt schon lange keine Stimme mehr von mir bekommen. Jetzt weiß ich, Ihr bekommt nie wieder eine Stimme von mir. Geht einfach! Ich kann Euch nicht mehr ertragen.

Das Ende des Vergessens

Lea Neumann war im Juli 2013 19 Jahre alt. Sie studierte Politikwissenschaften, engagierte sich bei den Jusos, hatte sowohl Facebook- als auch Twitter-Account. Sie empfand sich selbst als netzaffin und medienkompetent – Schlagwörter dieser Zeit.

Im Jahr 2048 fiel der NSA-Mitarbeiter Will Fiedler in seiner Abteilung in Ungnade. Er hatte mehrfach während der Arbeitszeit Cola getrunken, was im Dienst seit 2032 verboten war. Zur Strafe wurde Fiedler ins Archiv ins zweite Untergeschoss versetzt, wo er uralte, Yottabyte-große Festspeicher mit abgehörten Daten aus den Jahren 2009 bis 2017 auf frische Datenspeicher umkopieren sollte. Eine langweilige Arbeit. Irgendwann kam er auf die Idee, sich ein paar Schnipsel aus der Vergangenheit auf sein privates Datapad zu laden. Um seinem Arbeitgeber eins auszuwischen, lud er diese Daten aus Spaß auf einen der anonymen Wikileaks-Server hoch. Ihm war allerdings klar, dass sich niemand mehr für diesen jahrzehntealten Quatsch interessieren würde.

Der pfiffige BILD-Zeitungs-Praktikant Justin Müller stöberte manchmal ganz gerne durch die langweiligen Wikileaks-Seiten. Als er wieder einmal in der Redaktionskonferenz einen echten Knaller ankündigte, gähnten die anderen Praktikanten und auch der Chefredakteur winkte müde ab. Doch Justin Müller war darauf vorbereitet. Er legte sein Datapad auf den Tisch und drückte auf „Play“. Augenblicklich hatte er die Aufmerksamkeit der gesamten Truppe. Zu hören war die Stimme von Lea Neumann. Die Stimme der Bundeskanzlerin.

Schon zwei Stunden später titelte BILD-Online:

„Kanzlerin Neumann: Juden sollen aufhören rumzuheulen“

BILD-Online brachte den kompletten Mitschnitt eines Skype-Gesprächs zwischen Neumann und ihrer Schwester aus dem Juli des Jahres 2013. Darin hatte sich die spätere Bundeskanzlerin zum in Polen diskutierten Verbot des Schächtens, einer grausamen Schlachtmethode von Tieren, die damals unter anderem von religiösen Juden angewandt wurde, geäussert. Wörtlich meinte Neumann: „Warum fordern religiöse Fanatiker immer Toleranz von der Gesellschaft, während sie selbst keinen Deut von ihren grausamen Ritualen abzurücken bereit sind. Die Juden sollen endlich mal aufhören, rumzuheulen.“

Als Lea Neumann diesen Satz 35 Jahre zuvor in ihr Mikrofon sprach, war sie davon überzeugt, sich mit Ihrer Schwester privat zu unterhalten. Niemals hätte sie soetwas bei Facebook oder Twitter gepostet. Es war ein arglos gesprochener Satz, denn sie kannte sich mit der Thematik gar nicht wirklich aus. Und sie hatte auch schon zwei Gläser Rotwein getrunken. Und sie dachte nicht im Traum daran, irgendwann Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland zu werden. 2048 nun wurde ihr ein unsensibler Umgang mit den jüdisch-gläubigen Menschen in der ganzen Welt vorgeworfen, ein Verhalten unwürdig einer deutschen Regierungschefin vor allem auch vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte. Auf Privatheit konnte sich Lea Neumann nicht berufen, denn die Worte waren für alle hörbar so gefallen. BILD-Online hatte wieder mal einen echten Coup gelandet. Justin Müller bekam einen Halbjahres-Vertrag als Junior-Redakteur und die Opposition bezichtigte die Kanzlerin des Antisemitismus und warf ihr Geschichtsvergessenheit vor.

Nach nur drei Wochen und etlichen, vergeblichen Rechtfertigungsversuchen musste Kanzlerin Neumann auf Druck ihrer eigenen Partei zurücktreten. Schließlich konnte sie nicht vorweisen, was wohl von jeder Bundeskanzlerin erwartet werden können muss: Ein tadelloses Leben.

Ich?

Wenn Du in die Kneipe gehst, gehst Du in die Kneipe.
Wenn ich in die Kneipe gehe, habe ich eine Aufgabe zu erfüllen.

Ich bin alt geworden, schon vor einiger Zeit. Ich schaffe es nicht mehr, die Aufgaben zu erfüllen. Deshalb gehe ich auch nicht in eine Kneipe, gehe nirgendwo mehr hin. Ich bin müde.

Während Du leben durftest, musste ich schwer arbeiten. Wenn Du Dich über einen entspannten Abend gefreut hast, habe ich gegrübelt, ob ich meine Aufgabe tatsächlich erfüllt habe.

Selten genug sehe ich mir diese Stadt an und frage mich, ob ich jemals wieder etwas von dem, was ich beobachte, glaubwürdig darstellen werden kann. Shoppen, flanieren, kommunizieren, diskutieren, lachen, lieben, leben. Ich schaffe es nicht mehr, traue es mir nicht mehr zu.

Ich wäre so gerne einfach ich selbst. Aber ich fürchte, ich werde wieder nur versuchen jemanden darzustellen, der versucht niemanden mehr darzustellen.

Denn leider hat man vergessen mir zu sagen, dass ich ja jemand bin. Den müsste ich nicht aufwendig darstellen. Der bräuchte ich einfach nur zu sein. Bisher war das aber keine Option.

Und vermutlich werde ich erst dann einfach ich selbst sein, wenn es nicht mehr anders geht. Schade.

Die Selbstdeformation der Persönlichkeit

Als von Minderwertigkeitskomplexen geplagter Mensch ging ich ja bisher naturgemäß von der Existenz realer Defizite meines Charakters aus. Solche Defizite mögen auch tatsächlich bestehen, obgleich sich die Frage stellt, wer ein Ideal bzw. eine Norm beschrieben hat, woran gemessen man meinem Charakter solche Defizite zuschreiben könnte. Handelt es sich überhaupt um charakterliche Schwächen, oder ergibt sich diese Schlussfolgerung nur aus dem Erleben von Misserfolgen in meinem Leben? Misserfolge in Kommunikation mit anderen Menschen, in Privat- und Berufsleben, im Finden und Verwirklichen eigener, befriedigender Wünsche und Ziele und nicht zuletzt im Umgang mit mir selbst.

Als Ursache für Minderwertigkeitskomplexe beschreiben Psychologen übermäßige Kritik und verweigertes Lob durch die Eltern schon im frühen Kindesalter. Das ist sicher zutreffend, jedenfalls auch in meinem Fall. Ein verletztes und ungeliebtes Kind gewesen zu sein, scheint als Erklärung für das Verhalten des Erwachsenen auszureichen. Wenn dich deine Eltern nicht geliebt haben, fühlst du dich auch als Erwachsener unzureichend, missverstanden, haltlos, eben ungeliebt. Was mir bei dieser Erklärung fehlt, ist der Mechanismus der im Erwachsenen wirkt und zum Erleben eben jener Defizite führt. Dieser Mechanismus liegt nämlich nicht ganz so auf der Hand, wie es scheint.

Übermäßige Kritik an einem Kind durch die Eltern führt natürlich zu einer grundsätzlichen Unsicherheit. Das Kind muss davon ausgehen, dass, wenn die Eltern immer wieder unzufrieden sind, mit ihm grundsätzlich etwas nicht stimmt. Aber was bedeutet das, grundsätzlich? Es unterstellt (und genau das tun die Eltern), dass sich das Kind, wenn es sich anders verhalten würde, die Anerkennung und das Lob der Eltern quasi „erarbeiten“ könnte. Möglicherweise funktioniert das sogar. Bei meinen Eltern hatte ich nicht mal damit Erfolg. Aber selbst wenn es funktioniert, wird sich dieses Kind als Erwachsener sehr wahrscheinlich als minderwertig empfinden. Es hat Anerkennung nicht für sein Dasein erhalten, sondern für Wohlverhalten und Leistung. Was Wohlverhalten und Leistung sind, haben die Eltern bestimmt. Fortan wird dieser Mensch nach Möglichkeiten suchen, wie es von anderen definiertes Wohlverhalten zeigen und von anderen definierte Leistungen erbringen kann. Er verliert, falls er diesen je gehabt haben sollte, den Bezug zu sich selbst.

Aber es kommt noch schlimmer.

Die Kritik der Eltern betrifft in den meisten Fällen ganz konkretes Verhalten des Kindes. Es soll sich für Dinge interessieren, für die es sich nicht interessiert, für z.B. seine Geschlechtsteile soll es sich aber nicht interessieren. Es soll nicht lachen, wenn es etwas lustig findet; nicht fragen, wenn es den Eltern unangenehm ist; nicht laut sein, wenn die Eltern ihre Ruhe haben wollen; nicht rummaulen, wenn es sich unverstanden fühlt; nicht weinen, wenn es Angst hat usw. usf.

Das Kind lernt, dass es für bestimmte Situationen konkrete Verbote und Gebote gibt. Der Erwachsene glaubt das noch immer und betreibt damit eine permanente Selbstdeformation seiner Persönlichkeit. Und erst diese Selbstdeformation sorgt für das Erleben vermeintlicher Defizite. Eine integere Persönlichkeit ist aber für ein als erfolgreich erlebtes Leben eine der wichtigsten Voraussetzungen. Diese Persönlichkeit existiert, genauso wie bei Menschen, die von ihren Eltern einfach geliebt wurden. Der Betroffene zerfetzt diese Persönlichkeit aber in vielen Situationen in alle Einzelteile, so wie es seine Eltern als Kind von ihm verlangt haben. Er bemüht sich nach Kräften sich zu verändern, sich zu korrigieren, sich anzupassen, sich anzutreiben, sich zu verbessern – und zerstört doch immer und immer wieder nur das wichtigste, dass er bräuchte: seine integere Persönlichkeit.

Es ist das „endlich besser werden“ wollen, was mich in sehr vielen Situationen so schwach macht. Jeder Zweifel an meinen Eigenheiten, jede Unsicherheit die ich zu übertünchen suche, jedes Wort, das vom Gegenüber nicht verstanden wird nehme ich zum Anlass, meine Persönlichkeit selbst zu deformieren, weil ich es besser machen möchte. Die Weigerung meiner Eltern, die Dinge die ich auf meine eigene Art tue anzuerkennen, lässt mich an dieser Welt verzweifeln.

Erst die Kenntnis dieses Mechanismus macht es möglich, sich vom Joch des Konkreten zu befreien und endlich ein Leben aus einem Guss zu leben. Ein Leben aus mir heraus, in dem ganz sicher nicht alles gelingt. Aber ein Leben, in dem ein Missgeschick nicht mehr die Integrität meiner Persönlichkeit in Frage stellt. Ein Leben in Menschenwürde.